Ausstellung

Neue Freunde

16.09. - 29.10.2005

Die diesjährige Herbstausstellung der Stadtgalerie Schwaz hat sich den Aufruf zu „Neuen Freunden“ auf ihre Fahnen geschrieben. Mit flottem Spruch findet sich in den „heiligen Ausstellungshallen“ eine Hommage an die Freundschaft, deren frühesten Zeichen wir schon mit Kuchenförmchen im Sandkasten zu backen wussten.

In der bunten Zusammenstellung mit österreichischen Künstlern wie Anna Jermolaewa, Markus Schinwald und die Künstlergruppe Gelatin, blicken auch Vertreter des englischen Humors, wie Charlie Tweed aus London, die Schweizerin Nicoletta Stalder, aber auch nicht zu vergessen unsere lieben Nachbarn aus Deutschland, Ulla von Brandenburg und Andreas Slominski, augenzwinkernd auf die Magie der Freundschaft: wie es sich liebt und neckt, bezirzt und verhöhnt, streitet und versöhnt. Wobei das Motto der „Neuen Freunde“ auch symbolisch für das Entree der neuen Leitung der Stadtgalerie Schwaz mit Karin Pernegger steht.

Die Ausstellung strickt sich aus einem leichten Band von Verführungen, Erwartungen und Täuschungen, das unser reichhaltiges Netzwerk der Freundschaft illustriert und dem Betrachter oft ein Schmunzeln abringt, aber auch unsere Freundschaft für die Kunst unter die Lupe nimmt.

Wie sonst könnte man den hintergründigen Witz deuten, wenn man die der Puppenstube entsprungenen Objekte von Andreas Slominski im Ausstellungsraum sieht. Eine kinder-große Kirche reiht sich an ein mit „Röslein und Näglein“ besticktes Hochzeitsbett, die beide von einem schräg gezimmerten Polizeihubschrauber bewacht werden. Der Reiz der beschriebenen Kleinskulpturen liegt nicht in ihrer äußerlichen Erscheinung, sondern in der im Inneren verborgenen, gefinkelten Falle, so als ob man „verliebte Mäusen“ per Expresszustellung in den siebten Himmel verschicken wollte.

Die Hinterlist entlarvt der Londoner Künstler Charlie Tweed mit seiner Pirsch durch das britische Unterholz. Von Pathos und Verzweiflung gerührt zeigt er in seinem Video „Let´s start again“ mutig die Endeckung, die das fatale Bündnis zwischen Abhörspezialisten und der Flora und Fauna offen legt: um im Schoss der Natur unsere Überwachung zu installieren. Diese unverbrüchliche Einheit aus Freund und Feind oder Jäger und Gejagten ist der saure Zahnschmelz der Zeit, der letztlich den Mittelpunkt unseres Seins zwischen Neugier und Wissen, Nähe und Angst ausmacht und das Duo namens Leben und Freundschaft wie Pech und Schwefel zusammen hält.

Die österreichischen Gruppe Gelatin hat hingegen sprichwörtlichen den Hasen aus dem Pfeffer gegraben und legen einen 65 m langen, 6 m hohen und 103 Elefanten schweren rosa Häkel-Hasen auf den Colletto Fava Gipfel (1600m) der maritimen Alpen bei Artesina im ober-italienischen Piemont (mit Eröffnung am 18.September 2005). Dem riesenhaften leblosen Körper dringen Eingeweide aus dem Körper, in denen die Besucher des Berggipfels wie kleine Maden zu verschwinden scheinen. Der Hase wird zum Memento Mori einer kommerzialisierten Kulturlandschaft, da auch die umliegenden Berggipfel stellvertretend von den unwiderruflichen Eingriffen der Wintersportindustrie zeugen. Auf 20 Jahre ist der Schlummerschlaf des ausgegliederten Schmusegefährten angesetzt, um in seinem Inneren aus der vergessenen Wurzel der Freundschaft zwischen Natur und Mensch eine zartes Pflänzchen wachsen zu lassen. In der Ausstellung ist ein Modell mit Zeichnung von dieser Aktion zu sehen.


Den Hasen im Zylinder hingegen schickt die Hamburgerin Ulla von Brandenburg gänzlich auf Urlaub und verordnet ihren Zauberlehrlingen schmunzelnd Übungsstunden. In ihrem Video lädt sie ihre Freunde ein, Zaubertricks vom Stapel zu lassen, deren aufschwingende Illusionsakrobatik eher charmantem Achselzucken entgegenkommt denn einem gekonnten Hochseilakt. Ergänzt wird das Thema mit einer Serie von groß- und kleinformatigen Aquarellen auf Transparentpapier, die anhand von Landschaftsansichten, Fundstücken und Porträts den Charakter des unergründbaren ins Gegengewicht setzen.

Das Video „Children Crusade“ von Markus Schinwald unterstreicht weiter die ernste Note der Ausstellung. Die Szenerie des Filmes wurde in das Ambiente Wiens um 1900 verortet, deren authentisch festgehaltene Bilder von einem zeitgenössischen Kinderchor musikalisch getragen werden. Mit der Bildmetapher des Rattenfängers von Hameln zeigt er einen Kinderchor, der einer lebensgroßen Marionette mit ständig wechselnden Gesichtzügen folgt. Die Gefahr und Verheißung der Verführung und die Bitterkeit der enttäuschten Erwartung findet hier ihren kongenialen filmischen Ausdruck.

Über den Sommer hinweg beobachte Anna Jermolaewa in verschiedenen Städten mit ihrer Kamera die Porträtmaler auf den Plätzen vor Museen und Denkmälern, um die Fragen „Was macht Kunst zur Kunst?“ ins Bild zu setzen. Für die Ausstellung in Schwaz initiierte sie eine Zeichner-Performance, zu der sie im Sommer d.J. die Schwazer Bevölkerung eingeladen hatte, sich porträtieren zu lassen. Mit Hilfe von den vier eingeladenen russischen Künstlerkollegen Alina Fyodorova, Andrej Romasjukov, Alexander Frolov und Anna Frolova, die mit dem Porträtmalen u.a. ihren Lebensunterhalt als Künstler in Russland bestreiten, entstanden Porträts, die auf den zweiten Blick die alles entscheidende Gretchen-Frage der Kunst dem Betrachter stellt: Wo liegt die Trennung zwischen Auftrag und Kunst? Was macht sie aus? Ist es der Ort? Die Reputation? Die Galerie? Das Museum? Der Kurator oder gar die Kunstkritik? Oder entscheidet das der persönliche Geschmack?

Auch die Schweizerin Nicoletta Stalder zeigt uns wie man mit dem Austauschen von Rollenbildern die Beziehung zwischen Außenwahrnehmung und Künstler-Sein kurzfristig aus den Angeln heben kann. Nicht als Künstlerin sondern mit ihrem als Kreativ-Hausfrau lanciertes Pseudonym platzierte die Künstlerin eine ganzseitige Meldung mit der Schlagzeile „Hausfrau backt Monument“ im Schweizer Boulevardblatt „Blick“. Für die Ausstellung in Schwaz wird sie kurzerhand ihre Küche übersiedeln und das Monument vor Ort erweitern, um bei Anisplätzchen und Back-Aktion den Besucher in aller Freundschaft auf das Katz- und Maus-Spiel der Fremd- und Selbstwahrnehmung einzuschwören.

In diesem Sinne ergibt die Ausstellung einen geschlossenen Kreislauf, der den Charakter der Freundschaft und der darin einbezogenen Beziehungssysteme als symbolischen Eröffnungsgestus für die Stadt Schwaz, ihre Einwohner, ihre Galerie, ihrer neuen Leitung und den Künstler in den Vordergrund stellt.